
Das kürzlich veröffentlichte Landeslagebild Jugendkriminalität 2023 zeichnet ein besorgniserregendes Bild für Nordrhein-Westfalen – gilt dies auch für unsere Stadt Witten? Während die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren im zweiten Jahr in Folge steigt, erreicht sie mittlerweile den höchsten Stand der vergangenen zehn Jahre. In NRW waren 2023 rund 20,2 % aller aufgeklärten Straftaten unter 21-Jährigen zuzuordnen (davon 32,4% nichtdeutsch), in Witten liegt dieser Anteil sogar bei 24,5 %. Auffällig: Im Bereich der Gewaltkriminalität, die in Witten im Vergleich zu anderen Ruhrgebietsstädten gering ausgeprägt ist, machen die unter 21-Jährigen in unserer Stadt fast 40 % der Tatverdächtigen aus. Dies stellt einen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr um 16 Tatverdächtigen dar.
Doch was steckt hinter dieser Entwicklung? Die Corona-Pandemie mit ihrer sozialen Isolation hat tiefe Spuren hinterlassen. Kinder und Jugendliche, deren Empathie-Entwicklung in entscheidenden Jahren ausgebremst wurde, stehen oft vor zusätzlichen Herausforderungen, wie schwierigen Familiensituationen, Überforderung und teilweise fehlenden Perspektiven. Die Frage, wie wir ihnen helfen können, bevor es zu Straftaten kommt, ist drängender denn je.
Natürlich rufen solche Zahlen auch nach politischen Antworten. Während unser Innenminister Herbert Reul über die Absenkung der Strafmündigkeit nachdenkt, muss zugleich auch auf Prävention gesetzt werden. Denn klar ist: Strafen allein werden das Problem nicht lösen. Die Polizei kann Situationen entschärfen, aber die Ursachen von Kriminalität liegen tiefer. Eines vorweg: Die Nationalität sagt grundsätzlich nichts darüber aus, ob jemand straffällig wird, denn kein Kind wird als Straftäter geboren. Es sind die sozialen Rahmenbedingungen, die entscheidend prägen, ob jemand später auf die schiefe Bahn gerät. Integration, Unterstützung von Familien und eine starke Jugendarbeit sind zentrale Hebel, die Politik und Gesellschaft noch stärker in den Fokus setzen müssen.
Auch Witten zeigt, dass gehandelt werden muss. Während die Zahl der tatverdächtigen Heranwachsenden sich noch unter den Höchstständen von 2014–2016 bewegt, ist die Jugendkriminalität seit der Corona-Zeit um 22 % gestiegen. Was es braucht, sind gezielte Unterstützungsprogramme für Familien, gut ausgebildetes Personal und eine stärkere Kommunikation der bereits bestehenden Präventionsangebote. Ein Warnschussarrest mag in Einzelfällen abschreckend wirken, doch die langfristige Antwort liegt in der richtigen Mischung von Prävention und zeitgerechter Repression.
Diese Zahlen sind ein Weckruf. Sie zeigen uns, dass wir uns stärker um die nächste Generation kümmern müssen – nicht nur mit Worten, sondern mit Taten. Denn hinter jeder Zahl steht ein junger Mensch – und jede verpasste Chance, ihn zu unterstützen, ist ein Versagen, das wir uns als Gesellschaft nicht leisten dürfen.
Ihre Sarah Kramer
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